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Kapitel 1 Begegnung Die Qual der Wahl
GABRIEL: Beginnen wir am Anfang. Am Anfang war der
Blick.
CHARLOTTE: Die Urszene ist der Moment, in dem sich
ihre Blicke zum erstenmal treffen. Vor der Liebe
steht die Begegnung.
GABRIEL: Und die Begegnung entscheidet über den
Partner. Waren es früher die richtigen Partner,
werden es in Zukunft die richtigen sein? Der Tag
der Begegnung entscheidet über den Fortgang des
Lebens. Was geschah an diesem Tag?
ARTHUR: Die Begegnung ist das Willkürliche
schlechthin. Sie ist der Zufall. Du kannst sie
nicht vorhersehen, nicht kalkulieren. Sie ereignet
sich. Du stehst an einer Straße, schaust dich um,
und plötzlich findet sie statt. Du rast durch den
Supermarkt, stehst beim Gemüse und überlegst
verzweifelt, was du noch brauchst. Du schaust von
den Tomaten auf, triffst einen Blick und bist
verloren.
SALOME: Der Zufall ist Begehren.
REBECCA: Der Raum der Begegnung hebt sich von
allem ab, was danach kommt. Er liegt vor jeder
Entscheidung. Sein Reiz besteht in diesem Offenen.
HECTOR: Was ihr sagt, hört sich für mich wie das
Diktat der Liebe auf den ersten Blick an. Für mich
ist die Begegnung ein Spiel, sie ist eine
Inszenierung mit mir und dem anderen in den
Hauptrollen. Sie kann über Wochen, Monate und
Jahre fortgesetzt werden. Das Spiel hat keine
festen Regeln, sie werden erfunden und wieder
gebrochen. Zwei Menschen suchen sich, weichen sich
zunächst aus, gehen sich sogar bewußt aus dem Weg,
um schließlich noch vehementer zum großen Angriff
zu starten.
AARON: Es gibt Menschen, die von der Idee
ausgehen, daß man füreinander bestimmt ist.
SALOME: An Vorbestimmtheit glaubte ich auch. Ich
war sogar davon überzeugt, daß es für jeden
Menschen nur einen einzigen Partner geben könne,
der mir 'von Ewigkeit her' bestimmt gewesen wäre.
Ich liebte ihn schon, bevor ich ihn kannte.
ARTHUR: Es ist eine seltsame Vorstellung, ein
hartnäckiger Mythos, daß es im Leben nur einen
Menschen geben soll, eben diese eine Liebe, dieses
eine vollkommene Glück.
LUCIA: Man muß nur daran glauben, dann wird es
wahr.
ARTHUR: Trotzdem ist es Selbstbetrug. Das soll
nicht die Liebe entwerten, die man gerade erlebt.
Vielleicht geht es ohnehin vor allem um den Sex.
Die Begeisterung kann zeitlich begrenzt bleiben,
dann wird es ein netter heißer Taumel für ein paar
Tage. Fühlt man denn sofort, ob es Liebe sein
wird?
GABRIEL: Und doch erscheint mir der andere in den
dramatischen Sekunden der Begegnung wie eine
zwingende Erkenntnis. Aus einer Vielzahl von
Konkurrenten wird er zweifelsfrei auserwählt.
LUCIA: Wenn man einen Typ hat, auf den man steht,
fällt das leicht.
JUDITH: Ich habe kein klares Muster im Kopf. Mal
wird das Mütterliche in mir angesprochen, mal die
soziale Seele, mal das Tierische.
ARTHUR: Ich kann bei mir auch keine
Gemeinsamkeiten rekonstruieren.
SALOME: Das stimmt nicht. Bei dir zu Hause hängen
Bilder von Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und
Isabelle Adjani, alles Filmstars, die durch ihre
Unerreichbarkeit und Künstlichkeit glänzen. Kalte
Sterne am Firmament.
LUCIA: Was habt ihr gegen Vorlieben? Wenn ein Mann
eine unweigerliche Ausstrahlung hat, vermute ich
hinter seinem Gesicht und seinen Händen bestimmte
Eigenschaften. Dieses Gefühl von Vertrautheit
geben mir nur wenige Männer. Faszinierend ist, wie
schnell es dann entsteht.
ARTHUR: Wir erfahren bei der Begegnung mit einem
Menschen in kürzester Zeit eine Unzahl von Dingen.
Ungeheure Datenmengen werden ausgetauscht. Wäre es
möglich, alles Wahrgenommene, alles sich
Ereignende bewußt zu machen, entstünde in wenigen
Minuten ein differenziertes Bild von dem anderen.
HECTOR: Über unsere fünf Sinne saugen wir den
anderen auf.
AARON: Zuerst einmal drei, oder packst du gleich
zu und schleckst den anderen ab?
SALOME: Es gibt den Zauber einer schönen Stimme,
die vom Nebenzimmer durch die trennende Tür dringt
und die Aufmerksamkeit erregt. Hector glaubt, daß
sein sonorer Baß die Frauen betört.
GABRIEL: Delikater, wenngleich zunehmend
verkümmert, ist freilich der Geruchssinn. Unter
Sexualwissenschaftlern hält sich übrigens die
Hypothese, daß Schweißgeruch für Frauen ein
Aphrodisiakum erster Wahl sei. Früher steckten die
Tiroler Bauern während des Tanzens ein Taschentuch
in die Achselhöhle und hielten es nachher ihren
Angebeteten unter die Nase.
ARTHUR: Wenn ich an die Erinnerungen denke, die
bestimmte Parfumdüfte hervorrufen... Da werden
vergangene Zeiten lebendig!
GABRIEL: Am differenziertesten aber ist das Auge.
Es ist ein Genuß, die Menschen zu betrachten. Ihre
Anatomie, ihr Temperament, ihre Art, im Raum zu
sein, Harmonie oder Disharmonie ihrer Bewegungen.
Das Auge fragmentiert die Wahrnehmung und schafft
ein Relief des Wesentlichen.
LUCIA: Die Schönheit schlägt eine tiefere Wunde
als ein Pfeil. Sie dringt durch das Auge ein,
unmittelbar, unreflektiert und zu schnell, um
gegen die Verzauberung zu schützen.
SALOME: In der Mythologie ist der Blick ein
Machtinstrument. Er tötet, fasziniert, erschlägt
und verführt. Der Blick des anderen gleicht dem
der Medusa. Er lähmt und versteinert jeden, der
sie anschaut oder den sie anschaut. So auch in der
mystischen Lyrik: "Enthülle mir dein Angesicht und
laß mich am Blitz deiner Schönheit sterben."
GABRIEL: In Italien ist die Anziehungskraft, die
von den Augen ausgeht, lebensfroh und ganz der
Liebe gewidmet. Andere Völker hingegen würdigen
ihre Mitmenschen keines Blickes, weil sie vor der
Liebe Angst haben...
SALOME: ...und Angst vor der Vereinnahmung, vor
der Enteignung des Selbst.
LUCIA: Amor spielt mit den Menschen, er entflammt
sie oder blendet sie. Die Liebe auf den ersten
Blick ist heute verpönt, und doch zeigt sie die
blinde Natur des Phänomens. Liebe macht blind.
ARTHUR: Richtig! Die Erwählte, mit der ich mich um
jeden Preis zu vereinigen sehne, ist nicht
unbedingt schöner, charmanter oder intelligenter
als so viele andere. Doch der Pfeil trifft voll
ins Herz.
GABRIEL: Die äußerlichen Reize prägen die
Begegnung. Augen, Nase oder Mund, Haare, Beine
oder Füße: Jeder Körperteil kann die
Aufmerksamkeit auf eine Person lenken, die einem
zufällig begegnet.
HECTOR: Beim ersten Blick siehst du das Äußere als
Gesamtheit, erst auf den zweiten Blick die
Gesichtszüge. Die Sinnlichkeit einer Geste kann
grenzenlos faszinieren. Mir fällt ein Beispiel aus
der Literatur ein: Ein junges Mädchen sitzt auf
dem Bett, greift mit den Füßen zu den Trauben und
ißt sie.
CHARLOTTE: Frauen in hohen Schuhen, bei denen man
den Spann sieht, finde ich erotisch. Oder Männer,
bei denen man die Knöchel sieht, Männer ohne
Socken, in Slippern.
SALOME: Frauen, die hohe Absätze tragen, wissen um
die Wirkung der Hüftbewegungen...
CHARLOTTE: Ich sehe mir immer die Hände zuerst an,
weil sie mich berühren werden. Hände sind wie das
Gesicht. An ihnen zeigt sich Charakter.
HECTOR: Und doch entscheiden nicht nur die drei
Sinne über Gedeih und Verderben möglicher
Bewerber. Denkt an die Phantasie! Man kann sich in
Menschen verlieben, von denen man nur aus
Erzählungen gehört hat.
ARTHUR: Oder in Filmschauspielerinnen. Nehmen wir
einmal an, ich schwärme für Isabelle Adjani. Ich
träume davon, daß mein Beruf mich nach Paris
versetzt und phantasiere, daß sie mir über den Weg
läuft. Ich spreche sie an, und wir gehen ins
nächste Café. Schließlich geht der Traum so weit,
daß ich selbst daran glaube. So macht man sich
unglücklich.
CHARLOTTE: Glücklich wirst du, wenn du jemanden
findest, der dem Bild deiner Phantasie entspricht.
Das ist das Wunder der Begegnung.
LUCIA: Das passiert selten genug. Gerade die
Unerreichbarkeit des Geliebten stellt einen
mächtigen Reiz dar. Die fünfzehnjährige Schülerin,
die den gutaussehenden dreißigjährigen Lehrer
anhimmelt, scheint ein hoffnungsloser Fall zu
sein. Und doch kann sie ihn erobern. Voraussetzung
ist, daß sie daran glaubt.
SALOME: Es gibt jedoch Menschen, die den Mißerfolg
suchen. Denkt an die Fabel mit den Trauben, die zu
hoch hängen. Der eine bemüht sich vergeblich, sie
zu erreichen und geifert ein Leben lang danach,
während der andere sich mit dem Gedanken tröstet,
daß die Trauben vermutlich sauer sind, weitergeht
und süße Trauben findet, die ihn glücklich machen.
GABRIEL: Man ist Herr des eigenen Unglücks, wenn
die Ziele unerreichbar hoch gesteckt werden.
SALOME: Lyriker beschreiben die Liebe als
mystische Verzückung. Der Liebende hat ein hohes
Ideal und projiziert es auf das geliebte Wesen. Es
ist nicht erstaunlich, daß er das Objekt seiner
Leidenschaft überschätzt.
GABRIEL: Die Geliebte dem Mystischen zu entlehnen,
gibt wenig Aussicht auf Trieberfüllung. Es sei
denn, man legt selbst Hand an. Ein Freund war als
Sechsjähriger unsterblich in die Jungfrau Maria
verliebt. Er erzählte, ihr Bild sei ihm jeden
Abend erschienen und habe ihm ein grenzenloses
Wonnegefühl vermittelt. Anläßlich dieser
Erscheinungen hätten sich zum erstenmal Physis und
Psyche mit Entzücken gepaart, und fortan habe er
sich, die Hand am Glied und in Gedanken das
erlauchte Antlitz erforschend, Abend für Abend in
orgiastische Höhen emporgebetet...
SALOME: Die heilige Angela von Foligno, ein Bild
von Jesus betrachtend, hörte ihn zu sich sprechen:
"Meine süße Tochter, mein Mädchen, meine Geliebte,
mein Tempel... Liebe mich, denn ich liebe dich
viel, viel mehr, als du mich lieben kannst." Als
Kind träumte ich oft, Jesus hätte mich unter
tausend Kindern ausgewählt und auf seinen Schoß
genommen. Fortan lebte ich in der Überzeugung,
einen Mann zu treffen, der - einzigartig auf der
Welt - meiner Liebe würdig war, so wie ich in
meiner Phantasie der Liebe Jesus würdig gewesen
war.
GABRIEL: Liebe ist Religion. Amen!
REBECCA: Die erste Liebe übt oft eine bestimmte
Wirkung auf die Beschaffenheit der späteren
Liebesgefühle aus. Salome hatte das Glück, Jesus
zu begegnen.
LUCIA: Ich mußte lange um Jan kämpfen, um das
Gefühl zu bekommen, daß ich ihn verdiente. Für ein
blitzartiges Verlieben müssen sich beide in einem
Zustand der inneren Bereitschaft befinden. Das war
bei uns am Anfang leider nicht der Fall...
HECTOR: Das blitzartige Verlieben geht meist
über's Auge. Erliegt die Liebe der Schönheit?
GABRIEL: Ach, die Schönheit! Ich erliege dem
Unheimlichen eines schönen Gesichts und dem langen
und tiefen Aufruhr, den es in meinem Gemüt
hervorruft...
HECTOR: "Denn wenn der Smaragd durch seine
herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar
einige Heilkraft an diesem edlen Sinne ausübt, so
wirkt die menschliche Schönheit noch mit weit
größerer Gewalt auf den äußern und innern Sinn.
Wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen;
er fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in
Übereinstimmung." Wahlverwandtschaften.
REBECCA: Objektive Schönheit existiert nicht. Die
Auffassung von Schönheit ist an Moden gebunden,
und die Gesellschaft legt ihre Werte fest. Das
Ideal ist wandelbar.
AARON: Du meinst eine allgemein anerkannte
Schönheit, ein Schönheitsideal. Aber das ist doch
etwas ganz anderes als das, was jeder einzelne
schön findet. Stell' dir vor, sie greift am
Obststand nach der größten Melone, nach der du
selbst gerade die Hand ausgestreckt hattest, und
schnappt sie dir weg. Im letzten Moment bemerkt
sie es, schaut erst die Melone an, dann dich,
lächelt kurz, mit Augenaufschlag, und geht. Wer
diese Frau nicht schön findet...
ARTHUR: Es gibt Menschen, die auf ihrem Lebensweg
eine Spur der Vernichtung hinterlassen. Ich sage
euch ja, das ist der Eros.
LUCIA: Der Eros von Platon, der Eros als Verlangen
nach dem Schönen, durch das er entzündet wird und
dem er nachjagt. Er ist die Erkenntniskraft, die
durch die emporreißende Erfahrung des Schönen den
Weg zu den Ideen öffnet.
GABRIEL: Schönheit als zündender Funke, um Eros
zur dämonischen Vermittlerkraft zu verhelfen
zwischen unten und oben, zwischen Menschlichem und
Göttlichem, Sterblichem und Unsterblichem,
Nichthaben und Haben, Nichtwissen und Wissen. Für
Platon führte das Beglücktsein durch den schönen
Leib über die Liebe zur leiblichen Schönheit und
zum Seelisch-Schönen schließlich zur Liebe jener
'Schönheit, die den Gedanken, dem Ideellen
eignet'.
SALOME: Ohne Schönheit kein Roman, kein Film,
keine Werbung. Doch das alles interessiert uns
nicht. Wir sprechen von der Liebe, und Liebe ist
in ihrer Wahrnehmung subjektiv, weil wir es mit
einer Vision zu tun haben. Diese ist nicht nur an
unsere Blicke adressiert, sondern nimmt eine
tiefere Wahrnehmung in Anspruch. Sie verfügt über
unser ganzes Sein.
GABRIEL: Belegt wird die verschrobene
Subjektivität der Schönheitsideale durch die
Erfahrung, daß es selten gelingt, zwei Freunde zu
verkuppeln. Ich bin ein passionierter Kuppler,
doch in zwanzig Jahren ist es mir nur dreimal
gelungen.
SALOME: Der Begriff der Schönheit ist flüchtig und
zudem veränderlich in Raum und Zeit. Denkt an die
Größe des Busens. In wirtschaftlicher
Wiederaufbauzeit üppig wie bei Marilyn Monroe oder
Anita Ekberg, in den sechziger Jahren flach wie
bei Twiggy. Und heute wird wieder mit der
weiblichen Potenz geprotzt.
HECTOR: Ich habe eine panische Angst vor zu großen
Brüsten...
CHARLOTTE: Deswegen setzt du auf den Esprit. Zu
diesem Klischee passen keine üppigen Formen.
REBECCA: Anziehung durch Intellekt, durch geistige
Fähigkeiten fasziniert mich am meisten. Dahinter
kann Schönheit verblassen. Ich nehme Männer vor
allem über ihre Sprache wahr. Allein die Worte
stillen meinen Liebeshunger.
SALOME: Ich habe Männer mit Worten erschlagen.
Jahrhunderte französischer Literatur steckten
dahinter. Durch die erotische Kraft des Erzählens
erhoffte ich, den Mann zu entwaffnen. Zugleich
hielt ich ihre ungestümen Gefühle in Schach, die
Worte boten mir Schutz.
LUCIA: Als ich jünger war, wünschte ich mir
manchmal jemanden, der meine literarische
Begeisterung geteilt hätte, und fragte mich, ob
Jan tatsächlich der richtige war. Schließlich
verstand ich, daß mich die Körper anziehen, nicht
die Sprache. Mit dem Gesicht und dem Körper
verbinde ich eine gewisse Art von Gemeinsamkeit,
von Sinnlichkeit. Das beschränkt sich natürlich
nicht auf die Sexualität.
ARTHUR: Ja, man sucht Menschen, die bestimmten
eigenen Strukturen entsprechen, um bekannte
Verhaltensmuster zu beleben. Bei der Objektwahl
sind dunkle Mächte am Werk. In meiner
augenblicklichen Beziehung ist es mir zum
erstenmal gelungen, meinen Kopf mit einzuschalten
und zu versuchen, die Ereignisse von Anfang an
bewußter zu steuern.
CHARLOTTE: Wahrscheinlich würden sich die meisten
Menschen trennen, wenn sie wüßten, aufgrund
welcher unbewußter Strukturen sie zusammen sind.
GABRIEL: Der Liebeswille fixiert sich auf alles,
was sich bewegt, zudem auf allerlei
Absonderlichkeiten: Schweißfüße, abgekaute
Fingernägel, fehlende Zähne, überhaupt alle Arten
von Verunstaltungen. Mein liebstes Beispiel stammt
aus der frühen psychoanalytischen Literatur. Dort
wird der Fall eines jungen Mannes beschrieben, der
eine ausgeprägte Vorliebe für Prostituierte mit
Gebiß hatte. Sie mußte es herausnehmen, und er
lutschte daran, bis er den Höhepunkt erreichte.
ARTHUR: Es gibt also Männer, die durch das Raster,
das du im Kopf hast, durchfallen würden?
CHARLOTTE: Mich interessieren wenige Männer, im
besten Fall einer von hundert.
LUCIA: Ich treffe schon ab und zu einen Mann, mit
dem ich eine Affäre haben könnte. Aber es war noch
keiner dabei, der mir im ersten Augenblick das
Gefühl gab, wir könnten eine gemeinsame Zukunft
haben. Das hatte ich nur bei Jan.
JAN: Die Negativkriterien sind bei der Begegnung
übrigens genauso wichtig wie die Positivkriterien.
Bei mir kamen sehr viele Frauen überhaupt nicht in
Frage. Ganz blonde oder hellhäutige Frauen stehen
außerhalb jeder Diskussion, auch Frauen, die ein
sehr gemächliches Leben führen, morgens aufstehen,
vier Stunden frühstücken, sich hinsetzen und
lesen, gleich wieder Kaffee trinken... Man kann
einen solchen Menschen als guten Freund gewinnen.
Aber: Sexualität, Erotik, alles, was auch zur
Liebesbeziehung gehört, wäre von vornherein
abgekappt.
HECTOR: Eines meiner Ausschlußkriterien sind große
Brüste. Schon als Kind hatte ich Angst, daß die
Brüste meiner Oma mich erschlagen könnten. Meine
Oma war eine sehr breite und massive Frau, die ich
immer nur von unten sah. Ihre Brüste schienen
riesig und bedrohlich. Ich dachte, sie fallen mir
irgendwann auf den Kopf.
ARTHUR: Ein Brusttrauma! Die Psychoanalyse
behauptet, daß ein Säugling, dessen Nase durch die
Brust der Mutter zugedrückt wurde, im späteren
Leben diese Angst wiederbelebt.
JAN: ...du gehst dazwischen, es macht blubb!, und
du bist weg.
SALOME: Ich lernte einmal einen sehr attraktiven
Mann kennen. Als er lächelte, sah ich an der Seite
eine Zahnlücke wie bei meinem Vater. Damit war die
Faszination erloschen.
JAN: Das Bild der Eltern wirkt sehr
unterschiedlich, mal abstoßend, mal anziehend. Für
mich wäre es der einzige Horror, vom Partner zu
hören, 'du bist wie mein Vater' oder 'du bist wie
meine Mutter'. Ich möchte Jan sein und kein
Abziehbild eines anderen.
LUCIA: Jan hat recht. Mit sich selbst ist man
immer am besten bedient.
GABRIEL: Deswegen gefiel mir der Mythos von Narziß
so gut. Wenn ich eine Zwillingsschwester gehabt
hätte, hätte ich mich als Kind in sie verliebt.
LUCIA: Für mich wäre das auch denkbar gewesen. Ich
liebte das Märchen von den zwei Königskindern, die
nicht zueinander kommen konnten. Ich sah sie
seltsamerweise immer als Geschwister. Kurz bevor
sie einander fanden, ertranken sie.
AARON: Man verliebt sich in einen Menschen, der
ist, was man ist, war oder noch werden möchte.
SALOME: Ähnlichkeit kann erfrischend sein. Ich
habe einmal innerhalb einer Dreierbeziehung
versucht, mich von dem Jesusbild und der
Komplementarität zu befreien, die ich so lange
ersehnt hatte. Der andere Mann war genau das
Gegenteil meines Partners: Er hatte dunkle Haare
und eine dunkle Haut. Er sah aus wie ein Zigeuner,
wie ein Bruder aus einem früheren Leben. Daraus
entstand eine Art Geschwisterliebe.
GABRIEL: Der Volksmund sagt: "Gleich und gleich
gesellt sich gern" und "Gegensätze ziehen sich
an". Ist eine Variante der anderen überlegen?
REBECCA: Beide Positionen sind auch in einer
Person denkbar. Entweder man wählt sich den, der
ähnlich ist und aus ähnlichen Landschaften kommt -
das können auch geistige Landschaften sein -, oder
man sucht sich jemanden, der seinen Utopien
entspricht. Ich könnte mir beides vorstellen.
SALOME: Ich kenne auch beides, die Suche nach dem
Ähnlichen und die Suche nach dem Fremden. Für
jeden von uns ist die Landschaft eine Verlängerung
unseres primären Narzißmus. Ich entschied mich
schließlich für Landschaften, die mich von meiner
Kindheit lösten. Im Ausland suchte ich nach einem
anderen Bild, nach einer anderen Sprache. Alle,
die sich in Ausländer verliebt haben, kennen das.
Sie lieben im anderen die Fremdheit und das
Mysteriöse, nicht die Ähnlichkeit oder das
Vertraute. Dieses Wagnis ist ein Abenteuer, das
nie enden will.
REBECCA: Gemeinsamkeiten werden durch Beruf,
Arbeit oder Studienfach im Laufe des Lebens jedoch
zunehmend wichtiger.
CHARLOTTE: Die Lieblingsdinge sind sehr wichtig:
die Lieblingsbücher, die Lieblingsfilme, die
Lieblingsschauspieler. Sie schaffen Vertrautheit.
Die Gemeinsamkeiten bestätigen, daß wir
füreinander geschaffen sind. Gemeinsamkeiten kann
man auch an gemeinsamen Problemen festmachen, an
gemeinsamen tragischen Erlebnissen wie einer
schwierigen Kindheit. Man findet einen
Gleichgesinnten, jemanden, dem das Schicksal
ähnlich übel mitgespielt hat.
GABRIEL: Ich habe eher die Fremde gesucht. Ich
hatte die Phantasie der Gestrandeten, von der ich
nichts wußte, die eine unbekannte Sprache sprach
und von der ich daher nichts erfahren konnte.
Gleichzeitig war dieses Szenario mit vertauschten
Rollen - mit mir in der Rolle des Gestrandeten -
mein liebster Traum. Vorhang auf, Licht an, ein
bloßes In-der-Welt-Sein, und das Herz der Frau
entzündet sich. Alles, ohne den Hampelmann zu
spielen und ohne sich abzurackern. Veni, vidi,
vici.
ARTHUR: Abgesehen von solchen Robinsonaden macht
man sich innerhalb kürzester Zeit ein scharfes
Bild von einem anderen Menschen. Erstens weiß man,
ob er einem gefällt, zweitens ahnt man, welche Art
von Beziehung entstehen könnte, wenn man sich
näherkäme.
GABRIEL: Der Alternde, der das frische Fleisch
bevorzugt, und die junge Dame, die gern die
Schläfen des Graumelierten krault, beide wissen,
was sie voneinander zu erwarten haben.
ARTHUR: Konstellationen, die nicht ausbalanciert
sind, sind gewollt. Wer zehn Jahre älter ist als
seine Partnerin, kann mit Lebenserfahrung,
beruflicher Position und finanziellem Auskommen
noch imponieren, wo er bei einer gleichaltrigen
Partnerin bereits kleine Brötchen backen müßte.
LUCIA: Und die junge Frau bestätigt sich ihre
Frühreife. Heute würde ich mir für eine Affäre
eher einen jüngeren Mann auswählen.
GABRIEL: Ein Freund flüchtete sich nach einem
traumatischen Erlebnis in die Liebe zu einem
fünfzehnjährigen Mädchen. Jahrelang hatte er eine
platonische Beziehung zu einer Gleichaltrigen
gehabt, in der Sex auf die Zeit nach der Heirat
vertagt wurde. Eines Tages kam sie von einer Reise
zurück und erzählte, sie hätte eine Abtreibung
gehabt. Da der abgetriebene Embryo auf keinen Fall
aus der Beziehung stammen konnte...
ARTHUR: Interessant ist doch, daß alles, was unter
das Thema Begegnung fällt, sinnlich und nicht
sexuell ist: Es ist meist der Blick, die Stimme...
JAN: ...obwohl du schon bei der ersten Begegnung
extrem erotisiert bist und keinen anderen Gedanken
hast als nur den einen.
ARTHUR: Man hat außer den Phantasien über eine
mögliche Beziehung noch andere Phantasien.
Phantasien über die Sternstunden der eigenen
Sinnlichkeit...
GABRIEL: So wie ein konditioniertes Tier, das
zwischen zwei Reizen hin- und hergerissen ist:
erste Jugendliebe, stockend, stolpernd und
unsicher tastend im Bett versus Reminiszenzen an
kommerzialisiertere und natürlich souveränere
Formen der sexuellen Begegnung.
SALOME: Wir reden jetzt nicht über Abenteuer. Der
Wählende antizipiert die Beziehung. Wenn er
erfahren ist, weiß er die feinen Hinweise zu
deuten: unsicher fliegende Blicke in
unübersichtlichen Gruppensituationen, Schwung oder
Stocken in der Stimme, Zurückgezogenheit oder
Aufgeräumtheit inmitten der anderen, sichtliches
Wohlbefinden oder ängstliches Auf-der-Hut-Sein:
alles Hinweise auf mögliche Verhaltensweisen in
einer Partnerschaft.
GABRIEL: Wer mit seiner Schönheit, seinem
Intellekt, seiner Intelligenz oder seiner
Kreativität kokettiert, im Inneren jedoch
Selbstzweifel hegt, erwählt jemanden, der ihm die
Zweifel nimmt.
REBECCA: Der Möchtegern-Therapeut wählt die
Therapiebedürftige.
SALOME: Manche Muttersöhnchen suchen sich eine
charakterschwache Frau, um sich gegen die
mütterliche Herrschaft aufzulehnen. Das werden
später die Haustyrannen.
JUDITH: Liebe ist egoistisch. Die Liebenden passen
oft nicht zusammen. Dann drängt der eine den
anderen in seinen Schatten und hindert ihn zu
wachsen. Wer so eingeengt wird, wird später nach
Mitteln suchen, sich zu befreien. Ist das nicht
das Drama der Liebe?
GABRIEL: Man will ja mit dem Partner auch angeben,
sucht sich den schönen Partner nicht nur für sich
selbst, möchte die andern neidisch machen und
selbst interessanter werden.
JUDITH: Ich traf einen Mann, der immer mit schönen
Frauen zusammen war. Zuerst nahm ich nur die
Frauen wahr, später merkte ich, daß mich der Mann
interessierte. Ich wollte ihn haben, weil ihn die
Schönsten hatten.
ARTHUR: Der Partner wird Repräsentationsobjekt und
Schmuckstück. Wir holen uns Bewunderung und
Prestige.
SALOME: Liebe kreist um den eigenen Bauchnabel.
Man sucht und hofft, die eigene Vollendung mit
Hilfe des anderen zu erreichen. Beantwortet die
Frage: Wollt ihr den Partner oder den
Prestigezuwachs? Könnt ihr den Partner nahtlos in
eure Welt einfügen? Geht ihr das Risiko ein,
enterbt zu werden? Verzichtet ihr auf ein
Zerwürfnis mit der Familie und lehnt die
Mesalliance ab? Wenn ihr die Fragen ordnungsgemäß
beantwortet, habt ihr eine konservative Liebesform
gewonnen.
REBECCA: Der Druck der Eltern ist vehement, wenn
eine sogenannte Mesalliance droht.
GABRIEL: Das stört ab einem bestimmten Alter nicht
mehr.
REBECCA: Und doch belastet es.
GABRIEL: Dann würde ich die Familienharmonie
aufmischen...
CHARLOTTE: ...etwa durch ein intimes Verhältnis
zum Ex-Liebhaber der Schwester.
JUDITH: Genau! Rache ist eines der
hinterhältigsten Motive bei der Partnerwahl. Man
wischt dem Verflossenen eins aus, indem man mit
seinem besten Freund anbändelt. Das hat dann mit
den eigenen Vorlieben und Reizmustern überhaupt
nichts mehr zu tun!
REBECCA: Jetzt wird es aber unerträglich! Ihr
zerredet ja alles! Vorlieben, Prägungen,
Strategien, Prestige, Reizmuster: Das Spannende in
der Liebe sind doch Begegnungen, die diese
Festlegungen durchbrechen. Ein Mensch ist nicht
die Summe seiner Beschränkungen, er ist in
Bewegung, und Liebe bedeutet Veränderung. Du löst
dich von allem, was du warst, du liebst plötzlich
Dinge, die du bisher nicht kanntest.
SALOME: Wir sprechen die ganze Zeit von Prägungen
und vergessen die Gleichgültigkeit, die
Beliebigkeit. Geeignete Bedingungen vorausgesetzt,
kann jeder Liebe induzieren. Stendhal beschreibt
dazu eine vergnügliche Szene: "In einer völlig
gleichgültigen Seele, in einem jungen Mädchen, das
in einem isolierten Herrenhaus in der tiefsten
Provinz lebt, kann das kleinste Erstaunen eine
kleine Bewunderung auslösen, und wenn sich dann
die leichteste Hoffnung hinzugesellt, wird hier
die Liebe geboren."
HECTOR: Außerdem gibt es Menschen, die sich selbst
nur mit der Intensität lieben, mit der andere sie
lieben. Sie haben nicht das Bedürfnis zu lieben,
sondern geliebt zu werden, und lassen sich
diejenigen gefallen, die ihnen Liebe anbieten.
GABRIEL: Wie dem auch sei: Die Begegnung ist
Zufall, die Objektwahl ergründlich, die Verliebten
sind selbst blind, und Prognosen für die Zukunft
sind unzulässig. Wenn sie eine gemeinsame Wohnung
nehmen, holt der hinterlistige Alltag sie ein,
schließlich fliegen die ersten Tassen. Da ist
manch einer schneller auf dem Sprung als er
dachte.
SALOME: Es folgen die Krisen, in denen die
Variationen der Lebenswege erprobt werden. Es ist
faszinierend, was das Leben aus atemberaubenden,
mitreißenden und lustvollen Begegnungen macht. Die
Versöhnungen entscheiden, ob der andere doch der
richtige war.
JUDITH: Manchmal wünschte ich mir, nicht über das
kleine Geheimnis der Begegnung hinausgehen zu
müssen und nie die Geschichte zu erzählen, die das
Geheimnis auflöst. Begegnungen, wie man sie
während Zugfahrten erlebt: Sie sprechen
miteinander, schauen einander an, lachen - bis
einer von beiden aussteigen muß.
AARON: Ja, und bitte, ohne seine Adresse zu
hinterlassen.
GABRIEL: Oder man behält sie wie einen Fetisch,
ohne Gebrauch davon zu machen.
REBECCA: Und an der Anonymität und dem Ungewissen
entzünden sich die Gefühle. Du steigerst dich da
hinein, verzweifelst daran, die Adresse verloren
zu haben und begibst dich auf die Suche. Oder du
fühlst dich belebt von diesem neuen Raum der
Imagination in deinem Inneren, in dem du fühlst,
daß der andere von dir und deinen Phantasien weiß.
SALOME: Wie Madame Bovary an ihrem Fenster, bis
der Verführer die Szene betritt...
GABRIEL: Wer akut verliebt ist, ist fähig, alle
bisherigen Beziehungen zu sprengen.
Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber
den Zurückgelassenen – Partner, Familie, Freunde –
sind mitunter erstaunlich. Verliebte gelten als
unberechenbar und verrückt. Woher stammt die Kraft
der Verliebtheit, warum wird in einem Leben eine
Zäsur gesetzt, woher die Schlaflosigkeit und die
Appetitlosigkeit? Aus welchen Quellen speist sich
der Wahn?
HECTOR: Ich weiß gar nicht, ob ich das als Wahn
bezeichnen würde. Das ist doch ein Phänomen der
Pubertät. Je älter man wird, desto seltener wird
all das Absurde und Verzehrende.
CHARLOTTE: Die Vorstellung, daß sich dieses Gefühl
abnutzen könnte, ist beängstigend. Ich bin sicher,
daß ich mich auch in zwanzig Jahren noch rasend
verlieben kann.
HECTOR: Du kannst nicht davon ausgehen, daß das
fünfte Verliebtsein die gleichen Gefühle erzeugt
wie das erste. Der fünften Liebe können vier
schwere Enttäuschungen vorangegangen sein. Wer
bleibt davon unbeeindruckt? Liebe entsteht nicht
im geschichtslosen Raum. Eine erste überwältigende
Liebe ist nicht wiederholbar.
GABRIEL: Wir wollten nicht über Einmaligkeiten
oder Häufigkeiten von Gefühlen sprechen, sondern
über das Unvorhersehbare, das Launenhafte und das
Flatterhafte, das die Verliebten umtreibt. Woher
also die Nähe zur Psychopathologie?
HECTOR: Ich will die Frage so nicht gestellt
wissen. Für mich war die Liebe stets das radikal
Uneindeutige. Liebe ist alles und nichts. Jeder
Versuch, Liebe auf irgendein Konzept festzulegen,
geht doch vollkommen daneben. Meiner Meinung nach
bringst du veraltete Vorstellungen ins Spiel.
ARTHUR: Verliebtsein antizipiert die unmittelbare
Lust, und Erregung mindert die
Zurechnungsfähigkeit.
HECTOR: Nein, warte! Was Gabriel beschreiben will,
löst doch immer nur Enttäuschung aus. Wenn
Emotionen so stark sind, daß der Sinn für die
Realität verloren geht, entstehen krasse
Fehleinschätzungen in bezug auf die gemeinsamen
Erwartungen. Dann haben wir zwei Menschen vor uns,
deren Intentionen in völlig unterschiedliche
Richtungen zielen. Das endet fatal.
SALOME: Trotzdem verlernst du die Fähigkeit nicht,
dich zu verlieben. Allenfalls werden Schutzwände
aufgebaut, die das Gefühl der Verliebtheit
abwehren.
HECTOR: Ich kann das jedenfalls nicht
nachvollziehen, weil ich gerade im Anfangsstadium
der Liebe oftmals schon die ganze Enttäuschung
gespürt habe, die sich in den ersten Begegnungen
einschlich. Man könnte sogar sagen, daß die Phase
der Verliebtheit bereits ein Gewebe mit Rissen
war, das sich zunächst poetisch über uns legte und
doch im nächsten Moment das Prosaische einer
offenen Verletzung darbot. Du weißt nicht, ob die
Wunden zu heilen sind. Und dennoch: Vielleicht
atmet die Liebe nur durch die Risse in der Seele
und in dem Körper der Liebenden.
LUCIA: Um bei Arthur anzuknüpfen: Ich finde auch,
daß Sex am Anfang wichtig ist. Es beginnt doch
schon mit dem Geruch, der einen verrückt machen
kann. Ich habe mir bei Jan sofort vorgestellt, wie
seine Haut wohl aus der Nähe riechen würde. Aus
zwanzig Metern Entfernung roch sie jedenfalls
ziemlich gut.
ARTHUR: Beginnt das Gefühl nicht, wenn das "Ich
bin verrückt nach der Haut, die ich da vor mir
sehe" in das definitiv Sexuelle umschlägt? Beginnt
die Verliebtheit nicht mit der physischen
Erektion?
CHARLOTTE: Bei mir jedenfalls nicht. Wenn ich mich
verliebe, spielen sexuelle Phantasien zunächst
keine Rolle. Ich denke an leidenschaftliche
Umarmungen und zärtliche Küsse. Ein nackter Körper
liegt außerhalb meines Vorstellungsvermögens.
ARTHUR: Siehst du, das ist bei mir ganz anders.
Vom ersten Tag an kann ich mir den Körper sehr
genau vorstellen...
HECTOR: Ich gebe Charlotte recht. Eine Begegnung
ist wie ein exzellentes Mahl. Der Reiz besteht
darin, Reihenfolge und Zeiten der einzelnen Gänge
einzuhalten. Wie war das, Salome? Ne pas mettre la
charrue devant les b ufs? Spannt den Pflug nicht
vor die Ochsen. Alles zu seiner Zeit.
ARTHUR: Ihr seid denaturiert! Warum gegen die
Regungen des Fleisches angehen, warum den
sanguinischen Appetit zügeln, wenn man Lust auf
Sex hat? In euren schöngeistigen Gourmet-Begriffen
bleibt das Berserkerhaft-Leidenschaftliche völlig
ausgespart.
JUDITH: Was meinst du mit berserkerhaft?
ARTHUR: Eine unmittelbare, ungebremste,
fleischliche Lust und irrsinnige Erregtheit, die
sich nicht um irgendwelche sublimierte Formen
schert, sondern einfach drauflosspringt. Die
heftigen Aufwallungen haben ihren Impuls in der
animalischen Natur des Menschen. Ihnen möchte ich
mich hingeben.
GABRIEL: Aus dem animalischen Zustand hat sich der
Mensch längst herausentwickelt. Er ist von Natur
aus gesellschaftlich, und seine Sexualität ist es
auch. Sexualität ist eine gesellschaftliche
Kategorie. Der Sex ist wie der Mensch oder das
Soziale möglicherweise vergänglich.
ARTHUR: Unsinn! Jedermann hat diesen Rest von
Instinkt und Authentizität in sich. Deshalb sind
die Momente spannend, in denen es durchschlägt und
die Spiele und das Kultivierte beseitigt werden,
Momente, in denen etwas aufbricht. Um sich danach
wieder aufzufangen und sich zurückzunehmen, erneut
spielerisch zu werden. Die Verliebtheit lebt von
diesen Perspektiven.
SALOME: Der Sex, den du beschreibst, ist nicht
animalisch, er ist unersättlich männlich, eine Art
Schaum, eine Entladung der Gefäße.
LUCIA: Das war am Anfang auch bei uns ein
wichtiger Punkt der Auseinandersetzung. Für Jan
war die Sexualität die Grundlage einer Beziehung,
auf der der Rest aufbaute.
JAN: Ich mache keinen Unterschied zwischen Liebe
und Sexualität.
SALOME: Das sehe ich anders. "Je mehr Schritte und
Stufen es gibt", schreibt Montaigne, "desto größer
sind aber die Höhe und die Ehre bei der letzten
Stufe." Wenn die Liebe da ist, setzt sie den
Körper in Brand.
LUCIA: Eben. Was bleibt schon übrig, wenn nur der
tierische Trieb stimmt.
HECTOR: Ich wiederhole: Der Grundakt muß gesichert
sein.
AARON: Das mit dem Grundakt verstehe ich nicht.
Verliebtheit hat doch eine viel entscheidendere
Dimension: das Geheimnis. Sie ist wie eine
unterirdische Tropfsteinhöhle, in der du dich
traumwandelnd bewegst. Mit Körperlichkeit hat das
nichts zu tun.
ARTHUR: Das ist mir zu verklärt.
GABRIEL: Verliebtheit auf Sex zu reduzieren,
greift zu kurz. Sex ist zwar gut für
schwindelerregende somatische Sensationen, doch er
erklärt die Ungeduld, die Weinkrämpfe, die
Ohnmachten und die Verausgabung ebensowenig wie
die Veränderungen in unserer Wahrnehmung und in
unserer Gedankenwelt. Die Bilder des Geliebten
beherrschen die letzten Gedanken vor dem
Einschlafen und den ersten Gedanken nach dem
Aufwachen. Diese Allgegenwart der Bilder wird
später nur durch eine sehr starke Eifersucht
erreicht. Und durch die Angst vor Krankheit und
Tod. Schon aus dem Zusammentreffen dieser sehr
unterschiedlichen Ursachen ersehen wir, daß das
Verliebtsein an die Substanz geht.
SALOME: Ich bin überzeugt, daß der Verliebte ein
neues Leben entwirft, entweder aus dem Nichts der
Einsamkeit oder aus der Sackgasse einer
erstickenden Beziehung heraus. Eluard hat die
Liebe mit Hunger und Durst verglichen. Eines ist
sicher: Die Liebe entsteht aus einem Mangel. Wenn
ich mir selbst genüge, erfahre und gebe ich keine
Liebe. Für mich ist die Liebe die einzig mögliche
Strategie, um zu existieren. Ich liebe, also bin
ich.
GABRIEL: Wir haben über die Schatten der
Vergangenheit gesprochen, die in allen Stadien
unserer Liebesbeziehungen über uns kommen.
Vergessen haben wir darüber die prägenden
Einflüsse aus der von uns imaginierten Zukunft,
die ebenso real sind wie das Vergangene. Auch
deshalb darf man die Erklärung des Phänomens Liebe
auf gar keinen Fall der Psychoanalyse überlassen.
Nicht das Gestrige im Unbewußten ist die Dimension
der Verliebten, sondern das Vorbewußte, die
Dämmerung nach vorwärts. Dort liegt der Geburtsort
des Neuen. Dorthin wollen die Verliebten.
HECTOR: Das sind sehr schöne Bloch-Bilder, doch
weiß ich nicht, ob sie uns hier weiterhelfen. Wie
soll ich eine Beziehung beginnen, wenn ich noch
nicht einmal weiß, wer ich bin? Auf welcher
Grundlage sollen meine Gefühle denn aufbauen?
GABRIEL: Weiß ich, wer ich bin? Ich bin doch jedes
Mal ein anderer, mit jedem Partner ein neuer
Spielball der Reize, der Zuschreibungen und
Versuchungen und vor allem Spielball dessen, was
der Partner von mir glaubt. In der Verliebtheit
wird eine Kernfrage des Selbst-seins auf die
Spitze getrieben. Im Steppenwolf steht dazu: "Es
ist ein, wie es scheint, eingeborenes und völlig
zwanghaft wirkendes Bedürfnis aller Menschen, daß
jeder sein Ich als eine Einheit sich vorstellt, wo
doch kein Ich, auch nicht das Naivste, eine
Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein
Sternhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und
Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten ist."
HECTOR: In der Pubertät habe ich auch daran
geglaubt. Mittlerweile bin ich der Meinung, daß
Hermann Hesse alles und nichts zum Thema Liebe
sagt.
JUDITH: Außerdem brauchen wir keine
Schriftsteller, um Bilder für die Liebe zu finden.
SALOME: Die Literatur führt zur Liebe; das
Imaginäre ist im Augenblick der Verliebtheit
entscheidend und der Geist ist der eigentliche
Agent der Liebe.
CHARLOTTE: Das Imaginäre entsteht in uns. Wenn ich
verliebt bin, fühle ich mich wie vor einer Reise:
mit ist übel, ich bin überdreht, kann nicht
schlafen und bin zu allem bereit. Der Wille ist
da, aufs Ganze zu gehen, neue Terrains zu
erforschen.
ARTHUR: Verlieben wäre ein Betreten des neuen
Lebens ohne Paß.
CHARLOTTE: Nein, mit Paß. Ich verleugne doch nicht
meine Identität.
SALOME: Es ist auf jeden Fall vergleichbar mit
einer Reise in ein unbekanntes Land, zu dem
unbekannte Kontinent des anderen Geschlechts, an
der Grenze zwischen der Selbstliebe und der Liebe
zum anderen. Verliebtsein ist Verwirrung, sie ist
der Zusammenstoß meiner Ordnung mit einer Ordnung,
die mich transzendiert und die ich nicht
einschließe. Verliebtheit ist Revolution.
ARTHUR: Wenn das nicht ein romantischer Mythos
ist!
SALOME: Zumindest hat er mir die Welt geöffnet und
Kraft und Lust gegeben, mich sozial zu engagieren.
Die Zeit war natürlich eine andere: Vietnam-Krieg,
Frauenbewegung, Revolte. In Kommunen und
Wohngemeinschaften erprobten wir Alternativen zur
Kleinfamilie. Kurz und gut: Wir wollten unsere
kleine, persönliche Revolution in die Welt tragen.
REBECCA: Der Vergleich mit dem fremden Land
gefällt mir. Vielleicht, weil ich mich häufig in
ausländische Männer verliebt habe. Hier sprengt
die Verliebtheit sofort eine ganze Reihe von
Konventionen, und es zieht einen heraus aus der
eigenen Kultur. Dennoch finde ich den Begriff
Revolution problematisch.
SALOME: Verliebtheit als Entwurf kann auch
innerhalb der gleichen Kultur eine Subversion
sein. Die wahre Liebe stützt sich weder auf eine
soziale Finalität, noch auf materielle Interessen.
Sie erhält nicht einmal die Hoffnung aufrecht, von
der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Das ist
auch der Grund, warum ich immer die homosexuelle
Liebe bewundert habe, denn sie verläßt sich nur
auf ihre innere Kraft.
HECTOR: Aber ich kann doch nicht aus meiner
bürgerlichen Maske ausbrechen! Das war vielleicht
der Fehler der 68er zu glauben, sie könnten die
Revolution machen und die Klassenunterschiede
beseitigen. Ich will niemandem Vorwürfe machen.
Doch ich kann aus meiner Situation heraus nicht
einfach so tun, als ob ich nicht aus bürgerlichen
Verhältnissen käme. Ich hänge vielleicht an dieser
bürgerlichen Vorstellung von Liebe und
Zweierbeziehung, und ich muß mich erst einmal
radikal darauf zurückbesinnen, daß ich so bin, wie
ich bin. Ich muß mit der Faktizität, mit dem
Leben, in das ich hineingeboren wurde, umgehen.
Das kann ich in der Liebe nur dann tun, wenn die
Geliebte darauf eingeht. Die Veränderung stellt
sich erst ein, wenn ich weiß, wer ich bin. Ich
weiß nicht, ob dafür Revolution das richtige Wort
ist.
SALOME: Damit bin ich nicht einverstanden. Mich
interessiert nicht meine Faktizität, sondern die
Herausforderung im Leben, der Kampf. Ich habe
früher sehr in Osmose mit meiner Zeit gelebt.
Vielleicht hatte ich auch andere
Identifikationsfiguren: Olympe de Gouges, Rosa
Luxemburg, Simone Weil. Für mich zählte nur eins:
eine Revolution der universellen Liebe.
LUCIA: Verliebtheit als Revolution, als Zäsur der
eigenen Lebensgeschichte, sich zu machen, statt zu
sein, die Verliebten als Behälter voller
Zukunft... alles gut und schön. Und was ist mit
denen, die sich nicht auf eine gemeinsame Zukunft
festlegen wollen, die ihr Leben selbständig und
unabhängig voneinander gestalten?
GABRIEL: Softe Sprüche wie "Weißt du, ich möchte
mich eigentlich nicht binden" oder "Es ist besser,
wir legen uns nicht fest" hasse ich. Mit einer
Ausnahme: Wenn sich beide auf die
Unverbindlichkeit einigen. Erhebt aber nur einer
der Partner die Unverbindlichkeit zum Prinzip,
gibt es zwei Varianten. Im besseren Fall ist es
ein Zeichen von Unsicherheit, die aus Angst vor
Enttäuschung die erreichbaren Ziele tief ansetzt.
Im schlechteren Fall ist es ein mieses Spiel, um
den anderen von Beginn an in die schwächere
Position hineinzudrängen. Das bedeutet Machtkampf
vom ersten Tag an.
REBECCA: Manche Menschen brauchen Widerstände.
GABRIEL: Natürlich, Gefühle wachsen an
Hindernissen. Doch die Widerstände sollten von
außen kommen. Eltern, die sich gegen die Beziehung
sperren oder auch Freunde, die den Partner als
Eindringling in die gewohnte Clique empfinden.
Gegen die kann man sich solidarisieren. Das
schweißt zusammen.
HECTOR: Wobei die Verliebtheit zunächst eine reine
Projektion sein kann, ohne daß der erträumte
Partner sich mir nähert. Dann bleibt ein
Zwischenraum, in den ich bestimmte Inhalte
hineinprojiziere. Dies ist ein intensiver
körperlicher Zustand. Anders ist es, wenn ich
sofort eine reale Beziehung eingehe und damit die
Alltagsprobleme hochkommen.
GABRIEL: Also ohne Widerstand keine Liebe?
HECTOR: Ohne Spannung kein Krimi.
REBECCA: Julia und Romeo bringen sich um, um dem
Gesetz ihrer Väter zu entgehen, und die Prinzessin
von Cl ves zieht sich ins Kloster zurück, weil sie
weiß, daß eine Leidenschaft sich von Hindernissen
nährt.
SALOME: Heute tötet niemand mehr aus Leidenschaft,
sondern es ist die Langeweile, die tödlich wird.
JUDITH: Es gibt daher Menschen, die die Spannung
künstlich aufrechterhalten. Sie vermeiden die
Gewohnheit und den Alltag und verlieben sich
chronisch immer wieder neu.
SALOME: Ich glaube nicht, daß jemand in der Lage
ist, dreimal im Jahr rauschhaft seinen
Lebensentwurf neu zu formulieren. Ich würde sehr
nachdenklich werden, wenn ein Mann mir so etwas
sagte. Wer mit Gefühlen inflationär umgeht, kann
sie am Ende nicht mehr unterscheiden von dem, was
Arthur sagte: Lust, Erregung, Fleischkonsum. Dann
gibt es keine Utopie der gemeinsamen
Verwirklichungen mehr, sondern es geht nur noch um
den Moment.
ARTHUR: Du legst großen Wert auf die Trennung von
Gefühl und Sex.
SALOME: Das will ich meinen! Es sind zwei sehr
distinkte Kategorien. Mir imponiert der Wahnsinn
in der Wahrnehmung des Verliebten, die Permanenz
der Gedanken an den anderen, auch der zuweilen
unerträgliche Hang zur Poesie. Und diese Fähigkeit
zur Selbstaufgabe... Hector sprach in diesem
Zusammenhang von seiner Fähigkeit, sich für eine
Frau, in die er verliebt ist, völlig zu
verausgaben. Die Wahnwelt der Verliebten ist
Kultur. Als solche ist sie ein Sprengsatz, den der
Verliebte in der Hand hält und mit dem er seine
bisherige Welt auseinanderreißt.
GABRIEL: Dein Sprengstoff erinnert mich an einen
Leitsatz von vor zwanzig Jahren. Die
Universalbegründung allen Handelns war damals, daß
die Jugend zum Unterlaufen des Bestehenden
bestimmt sei.
JUDITH: Bezogen auf die Verliebtheit gilt daher:
Verliebtsein ist ein Jungbrunnen, unabhängig vom
Alter.
GABRIEL: Könnt ihr euch in Menschen verlieben, die
ihr seit langem kennt?
CHARLOTTE: Undenkbar! Wenn die Vertrautheit zu
innig ist, kann das Gefühl gar nicht entstehen.
Doch Männer sind da vielleicht anders.
SALOME: Das ist mir auch aufgefallen. Männer
könnten noch mit Uraltbekannten ins Bett gehen.
Das ist mir völlig unverständlich, obwohl es ein
Irrtum wäre zu meinen, die Liebe könne man nur von
einem blitzhaften Sich-Verlieben erwarten.
AARON: Die wirklich große Spannung erzeugen nur
fremde Menschen. Die ideale Geliebte – weil ideale
Projektionsfläche all meiner Wünsche – ist ohne
Zweifel die Unbekannte, die unvermittelt
Erscheinende, das unbeschriebene Blatt. Die
Verliebtheit nährt sich auch von den Fragen: Wer
ist die andere, wie ist sie, wo will sie hin,
wohin kann ich mit ihr gehen?
GABRIEL: Solange diese Fragen nicht beantwortet
sind, stehen erhebliche Hindernisse vor der
Wunscherfüllung.
SALOME: Sexualität kann ein solches Hindernis
sein, auch ein künstlich errichtetes, nämlich zum
Beispiel das Verbot der Sexualität oder
Teilgenehmigungen derselben wie: bis hierher und
nicht weiter. In meiner Sexualität war ich mit
meinem Anspruch, als Jungfrau zu heiraten,
natürlich anachronistisch. Doch war mir meine
Jungfräulichkeit ein Garant für Integrität und
Autonomie, sie hatte mit Religiosität nichts zu
tun. Außerdem hatte der Mann, der mich liebte, die
Prüfung der Enthaltsamkeit zu bestehen.
LUCIA: Die wirklich geliebte Frau muß unerreichbar
bleiben. Bei uns forderte Jan diese Liebesbeweise.
Ich bin durch Höllen gegangen, bis ich ihm klar
gemacht hatte, daß nur ich die Richtige war. Ich
mußte den Minnedienst erbringen und den Mann
langsam erobern. Manchmal denke ich, daß solche
Rollenverteilungen des Anfangs später nie
vollständig in Frage gestellt werden.
HECTOR: Minnedienst und Liebesbeweise empfinde ich
als außerordentlich reizvoll. Die Verspieltheit
des Verliebtseins trägt zu dem Wunsch bei, dem
eigenen Leben ein neues Gewand zu geben.
SALOME: Trotzdem beinhaltet die Liebe immer auch
den Willen zur Macht, denn sonst würden wir nicht
ständig versuchen, den anderen entweder zu
verändern oder gar zu vernichten. Denkt an Kleists
Penthesilea. Sie bekämpft ihren Geliebten als
Alter Ego bis in den Tod hinein. Der Wunsch zu
herrschen fließt hier mit dem Wunsch zu lieben
zusammen, und der Wunsch zu lieben wird mit dem
Wunsch zu töten und zu zerstückeln gleichgesetzt.
"Ich liebe dich, ich töte dich." Diese Liebe
verbindet die Liebe nach Macht mit dem dunklen
Gefühl der Unvollständigkeit, weil jeder seine
Macht aus dem Sein des anderen schöpft.
CHARLOTTE: Die Liebe hat etwas Vampirhaftes. Sie
ist unersättlich.
JUDITH: Ein Partner hat die Macht, den anderen
durch Worte in seine Gewalt zu bringen und zu
beherrschen.
GABRIEL: Das gehört aber schon zu einer späteren
Phase der Beziehung. Das Faszinierende in der
frühen Zeit des unbeschwerten Verliebens ist doch
die Tatsache, 'ich bin' sagen zu dürfen, statt
immerzu nur die Interpretationen deiner selbst von
den anderen zu hören, die unendlichen Litaneien
des 'du bist...'. Keine Frage: das funktioniert
mit dem Unbekannten, dem ich mich so präsentieren
kann, wie ich mich in der augenblicklichen
Lebensphase fühle. Verliebtsein ist ein Fest der
Gegenwart. Das kühlende Wasser des Neubeginns
spült von uns den klebrigen Schweiß der
Vergangenheit. Endlich kann ich mich in einem
Menschen so wiederfinden, wie ich mich sehe.
HECTOR: Ob ich meine Vergangenheit am Ort der
versiegten Liebe gelassen habe, weiß ich nicht,
doch die Kleider sind dort geblieben. Ich mußte
aus ihnen ausbrechen und habe sie zurückgelassen.
CHARLOTTE: Ja, man versucht, seine eigene
Vergangenheit komplett auszulöschen, alles zu
vernichten, was noch mit dem Verflossenen zu tun
hat. Briefe und Fotos werden zerrissen; Aktionen,
die man später bereuen wird. Man verändert seinen
Typ, schneidet die Haare ab oder färbt sie, kauft
sich neue Kleider.
SALOME: Auch ich habe mein Leben einmal neu
erschaffen. Alles, was mir in der Vergangenheit an
Leid zugefügt worden war, verbrannte ich mit den
Tagebüchern meiner Jugend und löschte es aus
meinem Gedächtnis. Es war, als ob ein Kind seine
Mutter verließe, um einem Fremden zu folgen, der
ihm die Hand gereicht hatte. Dieser Fremde gab mir
die Liebe, die Zärtlichkeit, das Vertrauen und die
Kindheit, die die Nonnen im Internat mir geraubt
hatten, zurück. Ich wurde neu geboren.
REBECCA: Ist das Verlieben unabdingbar für die
Erneuerung des Lebens? Wäre damit nicht auch in
jeder Beziehung die Bereitschaft zur Untreue
angelegt?
GABRIEL: Kaum eine Biographie, die nicht über
Zeiten berichtet, in denen der gegenseitige
Treueschwur lax interpretiert wird. Die
sporadischen Untreueattacken sind von der
systematischen Untreue natürlich streng zu
differenzieren.
AARON: Wartet, laßt uns jetzt bei der Gegenwart
bleiben. Wir sprechen die ganze Zeit über
Revolution von Lebensgeschichten, Neuentwürfe des
Kommenden, Häutungen von Vergangenheiten, kurzum
vom Umgang mit der eigenen Biographie. Welche
Rolle bleibt dem Geliebten? Eigentlich doch nur
die Statistenrolle.
REBECCA: Ich hatte in all meinen Beziehungen
erfüllte Momente, die relativ losgelöst vom
Partner waren. Ich habe sie auch über das Ende der
Beziehung hinaus bewahrt. Diese Seinsmomente sind
nicht unwichtig für die Liebesgefühle.
GABRIEL: Die in einem langweiligen Leben gefangene
Kreatur auf der Suche nach einer Ich-Variante, die
gehetzte Selbstverwirklichung als graue Eminenz
bei der Inszenierung altruistischen Liebeswahns...
Nicht schlecht!
LUCIA: Ja, ja, deshalb sagt Werther auch: "Und wie
wert ich mir selbst werde, wie ich mich selbst
anbete, seitdem sie mich liebt."
CHARLOTTE: Wie sehr man sich anbetet, bleibt den
Umstehenden nicht verborgen. Verliebte haben oft
einen unwiderstehlichen Charme, der die Sehnsucht
der anderen Menschen auf sich zieht. Nichts macht
attraktiver als die Ausstrahlung eines
verzehrenden Gefühls. Es ist eine tragische
Verschwendung amouröser Ressourcen, daß wir im
Zustand des Verliebtseins so wenig empfänglich für
all die Angebote sind, die an uns herangetragen
werden.
SALOME: Gabriel vergleicht das Verliebtheitsgefühl
mit elementaren Erlebnissen wie Angst oder
Gewißheit angesichts von Krankheit und Tod. Den
Geliebten allgegenwärtig zu fühlen und ihn in
jedem Augenblick körperlich zu fühlen... Bedeutet
das nicht, sich selbst in jeder Sekunde zu fühlen,
das eigene neue Leben zu ahnen und divergierende
Zukunften zu planen? Man denkt an den Geliebten
und entwirft doch nur sich selbst in fortwährendem
Schwung auf eine neue Existenz hin. Der Verliebte
ist sich selbst Regisseur, Hauptdarsteller und
beifallklatschendes Publikum.
ARTHUR: De facto verliebt man sich nur in sich
selbst.
HECTOR: Wollen wir daher zusammenfassen, daß die
Verliebtheit ein unerwartetes Objekt hat? Daß,
wenngleich unsere Aufmerksamkeit uneingeschränkt
dem Geliebten gilt – was wir als 'Gefühl für den
anderen' benennen –, die Emotion als Ziel doch nur
uns selbst hat? Die Geliebte als conditio sine qua
non, ohne die tatsächlich nichts geht, die im
Grunde jedoch nur den Spiegel hält, in dem die
verliebte Kreatur sich selbst-konstituierend
erhellt? Dann ist Liebe ein Eiertanz vor dem Altar
des eigenen Ego.
JAN: Klasse! Bald weiß ich nicht mehr, ob ich
überhaupt wünschen kann, daß sich irgendwann noch
einmal eine Frau in mich verliebt. Im Grunde meint
sie dann ja nicht mich, sondern nur sich selbst.
GABRIEL: Am Anfang unserer Verliebtheit stehen nur
wir allein im Mittelpunkt des Geschehens. Wer denn
sonst? Etwa die Geliebte, die wir nicht kennen und
von der wir nicht wissen, was sie fühlt, wie sie
denkt und woran sie glaubt? Wo soviel Fassade ist,
fällt das Gefühl auf sich selbst zurück, wird der
Zuschauer zum Protagonisten. Ich habe nichts
dagegen, daß Verliebtheit sich als rauschendes
Fest unserer Individualität entpuppt. Die
Vorstellung eines rasenden Gefühlssturms, der auf
sich selbst zurückfällt, finde ich sogar
faszinierend.
SALOME: Das offenbart deine tendenziell
onanistische Grundstruktur.
LUCIA: Mir ist der rasende Gefühlssturm in der
Phase des Verliebtseins fremd. Mein Gefühl war ein
leises, inwendiges Erzittern, als ich ihn zum
erstenmal sah, und es war begleitet von dem nicht
wahnhaften, sondern ganz klaren, schlichten
Wissen, daß er für mein Leben die größte Bedeutung
haben würde. Mich verlieben in einen anderen
bedeutet für mich ein Wiedererkennen: den
wiederfinden, zu dem ich gehöre und der zu mir
gehört. Der andere ist dabei radikal wichtig als
anderer, nicht als Projektionsfläche meines Egos.
HECTOR: Ist es dann nicht geradezu beleidigend,
wenn man herausfindet, daß der Geliebte früher mit
jemandem zusammen war, der unmöglich war, entweder
charakterlich oder in der Erscheinung?
CHARLOTTE: Ich finde es viel schlimmer, wenn man
herausfindet, daß der Partner mit einer Frau
zusammen war, die so etwas wie ein Ideal ist. Dann
stellst du dir immer wieder die quälende Frage:
Bin ich auch so? Muß ich so werden?
ARTHUR: Das narzißtische Spiel, das Gabriel
beschreibt, ist ja noch infamer, wenn man bedenkt,
daß in der Liebe immer auch eine Idealisierung
stattfindet. Derart künstlich überhöht, wirft die
Geliebte einen unendlich verzaubernden Schein auf
mich zurück.
SALOME: In der Wahnphase der Verliebtheit ist es
schwierig, in der eigenen Wahrnehmung deutlich
zwischen sich selbst und dem Geliebten zu
unterscheiden. Der Geliebte fungiert als Zwilling.
Die Metapher wird zur Realität. Und schon sind wir
bei der Liebeshysterie. Bei sehr engen Bindungen
zwischen Menschen gibt es keinen Zwischenraum
mehr. Die beiden Geliebten verschmelzen zu einem
einzigen Menschen. Verliebte ähneln den Mystikern
und sakralisieren die Sexualität. Die Rückkehr zur
Einheit gelingt schon in der Verschmelzung des
Kusses.
GABRIEL: Die platonische Idee von dem in zwei
Geschlechter gespaltenen Wesen, das sich in der
Liebe erneut vereint, das Androgyne, hat die
ersten Jahre unserer Geschichte entscheidend
bestimmt.
JAN: Unser Leben lang sind wir hin und hergerissen
zwischen unserer Sehnsucht nach fusioneller Liebe
und unserer Angst davor.
SALOME: Die Idee von der Aufhebung der Trennungen
– hier die Trennung der Geschlechter in Frau und
Mann – war bei mir auch sehr stark ideologisch
geprägt. Im weiteren Sinne stand sie für die
Vision einer klassenlosen Gesellschaft. Geschlecht
wie Klasse galten als ein Konstrukt, beide
gehörten abgeschafft. Wenn wir schließlich fast
bei einer folie deux angelangten, so lag das
auch an meiner Situation als Ausländerin in
Deutschland. Solange ich die Sprache nicht
beherrschte, hatte ich keine Beziehung zu anderen
und war allein mit einem Mann, der mich mit seinen
Besitzansprüchen und seiner Leidenschaft
wahnsinnig machte.
CHARLOTTE: Die amouröse Konzeption von Cavalcanti
beschreibt genau diese Leidenschaft: Amor
manifestiert sich als Krankheit, dringt in den
Körper der Liebenden ein und tobt dort solange,
bis der Liebende stirbt.
LUCIA: Jan empfand meinen Satz "Wenn du stirbst,
bringe ich mich auch um" immer als bedrohlich. Als
Antwort bekam ich zu hören, daß ich nicht
selbständig genug sei.
SALOME: Wenn bei uns von Selbstmord gesprochen
wurde, hatte ich entsetzliche Schuldgefühle. Die
'amour fou' hatte ich mir zwar seit der Kindheit
gewünscht, doch plötzlich fühlte ich mich dieser
Liebe nicht mehr gewachsen. Natürlich konnte ich
sagen: "Ich habe ohne dich keine Lust
weiterzuleben", aber ob ich zu einem Selbstmord
fähig gewesen wäre, weiß ich nicht. Der Wahnsinn
schien mir eine praktikablere Lösung zu sein. Nach
sieben Jahren war der Tod ein ganz zentrales Thema
in unseren Gesprächen, gehörten Sätze wie "Wenn du
stirbst..." oder "Wenn ich sterbe..." fast zum
Alltag. Wenn ich fünf Minuten zu spät aus der Uni
kam, hatte er Schweißausbrüche und fiel fast in
Ohnmacht.
LUCIA: War da nicht ganz einfach die Angst vor dem
Verlust und die paradoxe, aber faszinierende
Lösung: Bevor alles zerfällt, bringe ich mich um?
AARON: Das Thema 'Zusammenbleiben, bis daß der Tod
euch scheidet' kenne ich aus einer früheren
symbiotischen Beziehung. Es war ein langwieriger
Prozeß, davon loszukommen. In der Symbiose
verzichtest du auf dein eigenes Sein, um mit dem
anderen zu verschmelzen. Das ist der Tod.
SALOME: Im extremen Fall geht die Symbiose bis zur
Vernichtung. Da wird Liebe totalitär.
HECTOR: Das Gerede von Tod und gemeinsamem
Selbstmord kann ich nicht ertragen. Für mich
stellt sich diese Todessehnsucht als großes
Klischee dar. Ich kenne die romantische Liebe
auch, habe mich in Tristan und Isolde ergangen,
doch war das meistens meine eigene Phantasie, die
ich für mich allein hatte und die nicht mit einer
Frau gemeinsam entstanden ist. Seitdem ich in
Beziehungen lebe, hatte ich diese Todesphantasien
nicht mehr.
ARTHUR: Sterben auf dem Höhepunkt der Liebe: da
geht es nicht um eine Apologie des Todes, sondern
darum, in der Fülle zu bleiben, sie zu bewahren.
HECTOR: Mich gruselt, wenn ich das alles höre. Für
mich ist Liebe auch Alltagsbanalität, in der ich
mit dem anderen zusammenlebe.
GABRIEL: Die meisten dieser Todesbilder sind
natürlich Metaphern. Liebe und Tod sind so eng
beieinander angesiedelt, weil jede Trennung ein
kleiner Tod ist und jede Trennungsphantasie daher
Todesängste auslöst.
JUDITH: Wollt ihr im Ernst mit einem Diskurs über
Liebe und Tod enden?
LUCIA: Nein! Es ist möglich, die Liebe vor dem Tod
zu bewahren.
SALOME: Die Liebe ist ähnlich wie das Glück kein
definitiver Zustand. Sie ist eine Verflechtung von
Empfindungen, Gedanken, leidenschaftlichen
Augenblicken, eine gewollte Abhängigkeit, eine
gegenseitige Anerkennung und die Sicherheit, daß
sie noch das kostbarste und zerbrechlichste Gut
ist und bleiben wird. Die Verliebtheit mit der
alltäglichen Liebe zu verwechseln, wäre ein großer
Irrtum, denn ein Liebesverhältnis unterscheidet
sich sehr von der Träumerei der ersten Phase. Zu
zweit leben heißt sich zu lieben wie man ist, sich
zu achten, im Plural zu atmen, zu denken und zu
planen. Ja, das ist für mich Liebe: Freiheit für
mich zu beanspruchen, obwohl ich im Plural denke.
GABRIEL: Wir sollten nach unserem Gespräch die
Lebensentwürfe überprüfen. Sich verlieben als
Erneuerung, als Expedition in die Neugeburt, das
könnte einem Leben ungeahnte Möglichkeiten
erschließen.
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